Der Fisch auf dem Trockenen

Der britische Chemiker Hugh Sinclair machte 1944 auf einer Forschungsreise ins ewige Eis Grönlands eine erstaunliche Entdeckung: Obwohl sich die dortigen Ureinwohner, die Inuit, fast ausschließlich von fettem Fisch, Robben- und Walfleisch ernährten, litten sie extrem selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ihre Blutfettwerte waren hervorragend. Diese Forschungsergebnisse waren die ersten kleinen Schritte zum Aufstieg der Omega-3-Fettsäuren zu den Stars unter den Nährstoffen.

 

Bis vor einigen Jahren war Wissenschaftlern der Befund aus Grönland ein Rätsel, da man annahm, dass nur eine fettarme Ernährung, die vor allem Linolsäure und wenig gesättigte Fettsäuren enthält, Herz und Gefäße schützt. Doch ähnliche Feststellungen hat man auch in Japan gemacht, wo viel Fisch gegessen wird. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind dort ebenfalls seltener als bei uns: Während in Deutschland pro Jahr etwa 300.000 Menschen (Gesamtbevölkerung: 82 Mio.) einen Herzinfarkt erleiden, sind es in Japan weniger als 100.000 (Gesamtbevölkerung: 127,5 Mio.).

 

Die Ursache des Phänomens liegt im Fisch selbst – und zwar in den Omega-3-Fettsäuren. Davon enthält das Fettgewebe von Kaltwasser-Meeresfischen besonders viel. Verantwortlich dafür ist die Nahrung der Tiere: Verschiedene Algen- und Planktonarten haben sich im Laufe der Evolution den kalten Temperaturen im Polarmeer angepasst, indem sie besonders viele der langkettigen Omega-3-Fettsäuren in ihre Zellwände einbauten. Das hält diese auch bei Minusgraden noch flexibel und geschmeidig. Eine ähnliche Wirkung haben die Fette auch im menschlichen Körper. Sie verbessern die Fließfähigkeit des Blutes und wirken zudem entzündungshemmend.

Zahlreiche Forschungsergebnisse belegen inzwischen den gesundheitlichen Nutzen von Omega-3-Fettsäuren: sie wirken blutdrucksenkend und gefäßschützend bei Arteriosklerose, entzündungshemmend, können Allergien bessern und haben sogar eine schützende Wirkung bei verschiedenen Krebsarten. Sehr gut kontrollierte Studien haben gezeigt, dass Omega-3-Fettsäuren den Krankheitsverlauf verschiedener Autoimmunerkrankungen, besonders der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen positiv beeinflussen.

 

Neben den Omega-3-Fettsäuren gibt es eine weitere Gruppe von Fettsäuren, die für den Menschen lebensnotwendig sind: die Omega-6-Fettsäuren. Bei ihnen ist nicht entscheidend, wie viel täglich mit der Nahrung aufgenommen wird, wichtiger ist in welchem Verhältnis sie zu Omega-3-Fettsäuren verzehrt werden. Es ist sehr spannend, sich einmal anzuschauen, warum dass wohl so ist, denn die Ursache hierfür reicht bis weit vor die Steinzeit. Wissenschaftler, die sich mit der Evolution des Menschen befassen, gehen davon aus, dass die sich der Mensch unter einem Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren von etwa 1:1 entwickelt hat. Heute beträgt dieser Quotient in der Nahrung nur noch 8:1 bis 16:1.

 

Der Urmensch lebte als Jäger von Fischen und freilebenden Wildtieren, als Sammler von Blättern, Moosen und Farnen. Erst mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht, der nach biologischer Zeitrechnung erst vor kurzem stattgefunden hat, und vor allem seit der ,,Industriealisierung" von Ackerbau und Viehzucht in den letzten 100 Jahren, stieg die Aufnahme von Fett insgesamt. Zudem wurden immer mehr Omega-6-Fettsäuren und immer weniger Omega-3-Fettsäuren aufgenommen, da der Verzehr von Fisch zurückging, und das Fleisch freilebender Tiere durch das Fleisch von Masttieren ersetzt wurde. So kam es zu einer massiven Verschiebung im Verhältnis der Omega-Fettsäuren und gleichzeitig zum dramatischen Anstieg der Herz-Kreislauferkrankungen, rheumatischer Erkrankungen, Allergien und bestimmter Krebsarten.

 

Was in der Evolution des Menschen maßgeblich dazu beigetragen hat, dass sich der ostafrikanische Frühmensch zum Homo sapiens entwickeln konnte, ist offenbar auch heute noch für die Entwicklung archaischer Gewebe wie Gehirn und Netzhaut entscheidend: Omega-3-Fettsäuren. Bereits im Mutterleib sollte Ungeborenen ausreichend Omega-3-Fettsäuren zur Verfügung stehen, der Bedarf eines Säuglings kann am besten durch Stillen gedeckt werden.

 

Die nationalen und internationalen Gesellschaften für Ernährung, so auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, haben sich für ein wünschenswertes Verhältnis der Omega-6-Fettsäuren zu Omega-3-Fettsäuren von ca. 5:1 ausgesprochen. Jedoch liegt der Durchschnittsmix in der typischen mitteleuropäischen Ernährungsweise tatsächlich bei einem Verhältnis von mindestens 8:1, d. h. es gilt, diesen Quotienten wieder zu „verengen“.

 

Neben fettreichen Kaltwasserfischen wie in der Ernährung der Inuit sind auch wenige pflanzliche Öle, allen voran Rapsöl, Quellen für Omega-3-Fettsäuren. So enthält Rapsöl alpha-Linolensäure, die der menschliche Körper zu einem Teil in die wertvollen Fischölfettsäuren umwandeln kann. Aus diesem Grund empfehlen Ernährungsexperten weltweit, Rapsöl zu einem regelmäßigen Bestandteil im täglichen Speiseplan zu machen.